Pressemitteilung Archiv 2011

Wir gestalten Zukunft - Landestagung des BBSB in Bad Kissingen

München, 21.11.11

„BBSB Konzeption 2020 – ein Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Bayern“ lautete das Motto der Landestagung des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes e.V. (BBSB), die vom 17. bis 19. November 2011 in Bad Kissingen einberufen wurde. 53 Delegierte und ihre sehenden Begleitungen nahmen an der alle vier Jahre stattfindenden Landestagung teil, die zugleich das höchste Gremium des Vereins darstellt. Zum offiziellen Festakt am Freitag, 18. November, konnte der BBSB rund 200 Gäste begrüßen, darunter zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft sowie Medienvertreter. Die Schirmherrschaft für die Tagung hatte Bayerns Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen Christine Haderthauer übernommen.

Nach Entgegennahme des Tätigkeits- und Finanzberichts und nach Entlastung des Landesvorstandes verabschiedete die Landestagung das neue BBSB Grundsatzprogramm, die Konzeption 2020. Sie stellt den aktuellen Stand der Arbeit des BBSB dar und ist gleichermaßen der Aktionsplan der Selbsthilfeorganisation zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese Arbeitsgrundlage aller im BBSB Aktiven für die kommenden Jahre wurde einstimmig angenommen.

Vorstandswahlen

An die Beratung und die Beschlussfassung mehrerer Anträge auf Satzungsänderung schlossen sich die Vorstandswahlen an, worin das höchste BBSB Gremium Judith Faltl, 42, als Landesvorsitzende mit großer Mehrheit bestätigte. Zu ihrem neuen Stellvertreter wählte die Landestagung Dr. Stefan Insam, 42. Als Beisitzer wurden Bruder Elija Morbach, 54, und Dr. Thomas Krämer, 40, bestätigt sowie Frank Griebel, 48, Gerd Schopp, 56, und Janina Kouba, 33, neu in dieses Amt gewählt.

(v.l.) Dr. Thomas Krämer, wieder gewählter Beisitzer, Elija Morbach, wieder gewählter Beisitzer, Frank Griebel, neu gewählter Beisitzer, Gerd Schopp, neu gewählter Beisitzer, Dr. Stefan Insam, neu gewählter stellvertretender Landesvorsitzender, Judith Faltl, wieder gewählte Landesvorsitzende und Janina Kouba, neu gewählte Beisitzerin.

Grußworte des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) überbrachte dessen Vizepräsident Hans-Werner Lange, der dem Wirken und Schaffen des BBSB, des mit über 8.100 Mitgliedern größten Landesvereins, Vorbildcharakter aussprach.

Ehrungen

Für ihre langjährige, engagierte Tätigkeit ehrte die Landestagung mehrere Persönlichkeiten. Die Medaille für besondere Verdienste erhielten Walter Bichlmeier, Bezirksgruppenleiter Niederbayern, und Robert Weichenmeier, Bezirksgruppenleiter Allgäu. Jutta Winter, von 1987 bis 2011 Mitglied des Landesvorstandes, und Gerhard Schollwöck, von 1983 bis 2011 Leiter der Bezirksgruppe Operpfalz, wurden mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. BBSB Treueringe überreichte die Landesvorsitzende Judith Faltl an ihren Stellvertreter Wolfgang Kurzer und an BBSB Landesgeschäftsführer Christian Seuß. Otto Umscheid, seit rund 50 Jahren an verantwortlicher Stelle im BBSB aktiv, berief die Landestagung zum BBSB Ehrenvorsitzenden.

Festakt

„Wir haben die Vision einer gleichberechtigten und selbstbestimmten Teilhabe von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft.“ Mit diesen Worten stellten in der glanzvollen Festveranstaltung Judith Faltl und Christian Seuß die Konzeption 2020 erstmals der Öffentlichkeit vor. Sie schilderten wie aus Sicht des BBSB Inklusion gelingen könne: Gleiche Bildungschancen für blinde, sehbehinderte und zusätzlich gehandikapte Menschen seien ein Kernanliegen des BBSB und die in Bayern als Modell eingeführten Inklusionsschulen eine Chance dafür, sagte Judith Faltl. Um die Teilhabe am Berufsleben zu verbessern, forderte Christian Seuß alle Arbeitgeber auf, behinderten Menschen eine Chance zu geben und die Schwerbehindertenquote wieder auf 6% zu erhöhen.

Barrierefreiheit betrifft sowohl den Zugang zu Informationen als auch den öffentlichen Raum. Judith Faltl begrüßte beispielsweise die Resolution der ARD, ihr barrierefreies Angebot auszubauen, oder die Hörzeitungen per Telefon der Firma Phonepublisher. Diese Beispiele sollten Schule machen.
Durch akustisch wahrnehmbare Ampeln, gut sichtbare und taktil erfassbare, rillierte Leitstreifen sowie Stationsansagen mit Ausstiegsseite sei die Teilnahme am öffentlichen Leben für blinde und sehbehinderte Menschen sicherer geworden. Dennoch fehlen viel zu häufig sehbehindertengerechte Leitsysteme und gerade bei U-Bahnen lauern im Kupplungsbereich der Wagen erhebliche Gefahren, so der BBSB Landesgeschäftsführer.

Beim Thema Schulung in Orientierung und Mobilität sei der ambulante soziale Rehabilitationsdienst des BBSB beispielhaft und deutschlandweit einmalig. Für die jahrzehntelange finanzielle Förderung dieses Dienstes bedankte sich Judith Faltl bei den Bayerischen Bezirken und beim Zentrum Bayern Familie und Soziales.

Zentrale Forderungen im Bereich Nachteilsausgleiche seien für den BBSB, so Christian Seuß, die Einführung eines abgestuften Blindengelds für hochgradig sehbehinderte Menschen in Bayern und die Erhöhung des Blindengeldes für taubblinde Menschen.

Elke Runte, BBSB Leiterin des Bereichs Kommunikation, führte durch den festlichen Abend, zu dem die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Irmgard Badura in Vertretung der Sozialministerin ein Grußwort sprach. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Irmgard Badura, und Inklusion kein Gnadenakt, sondern die Verwirklichung von Rechtsansprüchen. Die Konzeption 2020 bezeichnete sie als wunderbare Grundlage für die Beratung der Bayerischen Staatsregierung zu den Belangen blinder, sehbehinderter und zusätzlich gehandikapter Menschen.

In Podiumsinterviews zu den Konzeptionsschwerpunkten „Bildung und Beruf“, „Barrierefreiheit“ sowie „Nachteilsausgleiche“ schilderten blinde, sehbehinderte und sehende Gesprächspartner ihre persönlichen Erfahrungen: So beispielsweise Fabian Dreykorn, Vater eines blinden Sohnes, der mittlerweile die vierte Klasse einer Regelgrundschule besucht. BBSB Landesverkehrsbeauftragter Gustav Doubrava, 74, berichtete, wie er in seiner Jugend an der Weiche stehend nach dem Schienengeräusch entschied, in welche Straßenbahn er stieg („Wenn sie abgebogen ist, war es die falsche.“). Heute erleichtern unter anderem Mobilitätstraining und tastbare Bodenindikatoren das Orientieren im öffentlichen Raum erheblich. Doch erst wenn Bodenindikatoren so selbstverständlich eingebaut würden, wie Gullys, Haltelinien oder Richtungspfeile auf der Straße, dann sei man am Ziel, so Gustav Doubrava. BBSB Referent für Hör-/Sehbehinderung und taubblinde Menschen Peter Bleymaier betonte, wie wichtig die Versorgung hör-/sehbehinderter Menschen mit hochwertigen Hörgeräten sei.

(v.l.) Stellvertretender BBSB Landesvorsitzender Wolfgang Kurzer übergibt den Integrationspreis an den Bürgermeister der Stadt Würzburg Dr. Adolf Bauer.

Weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Verleihung des vom Bildhauer Gerhard Wokurka gestalteten Integrationspreises, einer Bronzeskulptur mit dem Titel „Unendliche Fläche“. Damit zeichnete der BBSB 2011 die Stadt Würzburg für ihre erfolgreichen Bemühungen aus, blinden und sehbehinderten Menschen die Inanspruchnahme städtischer Dienstleistungen und Angebote zu erleichtern. Regelmäßige Schulung der städtischen Verwaltungsmitarbeiter im Umgang mit blinden und sehbehinderten Kunden oder die Einbeziehung des BBSB bei allen relevanten Planungen zur Berücksichtigung von Barrierefreiheit - das waren nur zwei der Aktivitäten, die Wolfgang Kurzer in seiner Laudatio anführte. Würzburgs Bürgermeister Dr. Adolf Bauer, der den Preis entgegen nahm, nannte die Auszeichnung eine große Ehre und sah darin auch eine Verpflichtung den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen.

Unter der Leitung von Johannes Gruber übernahm das Ensemble „Blinde Musiker München“ die musikalische Umrahmung der Veranstaltung. Bei Sekt, Gebäck und anregenden Gesprächen klang der Festakt aus.

Arbeitskreise

„Was uns verbindet - was uns trennt“ lautete die gemeinsame Überschrift der vier Arbeitskreise, in denen die Tagungsteilnehmer folgende Themen erörterten: „blind - sehbehindert“, „ehrenamtlich - hauptamtlich“, „Mitglied – Nichtmitglied“, „früh- /spätbetroffen“. Die Ergebnisse geben Impulse für die Zukunft und werden in die Arbeit des BBSB einfließen.

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