Pressemitteilung Archiv 2012

Selbsthilfe fordert mehr Sicherheit im U- und S-Bahnbereich in München

München, 16. März 2012

Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB) hatte am 14. März 2012 blinde und sehbehinderte Mitglieder sowie Fachleute der Verkehrsbetriebe und der Bahn sowie Vertreter der Landeshauptstadt München zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Hintergrund

Am 28. Dezember 2011 stürzte ein blinder Fahrgast am Münchner U-Bahnhof Rotkreuzplatz ins Gleis, weil er den Kupplungsbereich zweier U-Bahnwagen mit der Türe verwechselt hatte, und erlitt dabei schwere Kopfverletzungen. Bis heute ist unklar, ob er wieder völlig gesund wird.

  • An der Podiumsdiskussion nahmen teil:
  • Gustav Doubrava, Landesverkehrsbeauftragter des BBSB,
  • Karl Heinz Holzwarth, Qualitäts- & Mobilitäsbeauftragter der DB für Bayern (als Vertreter der S-Bahn München),
  • Dr. Georg Kronawitter, Stadtrat der Landeshauptstadt München
  • Christian Müller, Stadtrat der Landeshauptstadt München in Vertretung des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude,
  • Andreas Nagel, Vorsitzender der Aktion Münchner Fahrgäste,
  • Michael Richarz, Betriebsleiter und Geschäftsführer der MVG (Münchner Verkehrsgesellschaft, Betreiber der Münchner U-Bahn), und
  • Oswald Utz, Behindertenbeauftragter der Landeshauptstadt München.

Moderiert wurde die Podiumsdiskussion vom stellvertretenden Landesvorsitzenden des BBSB Dr. Stefan Insam.

Wichtigstes Anliegen des BBSB an diesem Abend war Lösungen zu erörtern, die den Sturz blinder Fahrgäste sowohl im Langkupplungsbereich wie auch im Kurzkupplungsbereich der Züge verhindern. Der Vertreter der MVG Michael Richarz legte dar, welche technischen Möglichkeiten für den Kurzkupplungsbereich in den nächsten Monaten geprüft würden. Auf eine Lösung im Langkupplungsbereich, wie sie der Landesverkehrsbeauftragte des BBSB Gustav Doubrava forderte, ging die MVG jedoch nicht ein.

Um nach mehreren tragischen Ereignissen in den letzten Jahren die Sicherheit blinder Fahrgäste zu erhöhen, führt die MVG bereits Schulungen durch. Im Rahmen dieser Schulungen werden unter anderem die Sicherheitseinrichtungen am Bahnsteig und auch im Gleisbereich (Hohlraum unter der Bahnsteigkante) erklärt. Auch die S-Bahn München plant weitere Sicherheitsschulungen. Diese Schulungen sind wichtig. Das erkennt auch die Selbsthilfe an. Das Ziel jedoch, es gar nicht erst zu Gleisstürzen kommen zu lassen, habe, so Doubrava, Priorität.

Im Laufe der insgesamt sachlich geführten Diskussion, an der sich auch das Publikum mit eigenen Erfahrungen beteiligte, wurden weitere Forderungen des BBSB angesprochen, die zur sicheren Benutzung des öffentlichen Personenverkehrs für blinde und sehbehinderte Fahrgäste unerlässlich sind.

Die vier wichtigsten Forderungen sind:

  • die mechanische Absicherung im Lang- und Kurzkupplungsbereich um Gleisstürze zwischen den Fahrzeugen zu verhindern
  • gut verständliche Stationsansagen sowie Ansagen der ein- und abfahrenden Verkehrsmittel
  • die Umrüstung aller U- und S-Bahnsteige mit tastbaren Rillen entlang der Bahnsteigkante nach DIN 32984:2011-10
  • gut lesbare und blendfrei beleuchtete Beschriftungen sowie Anzeigentafeln jeglicher Art

Die Behindertenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Irmgard Badura brachte es auf den Punkt: „Bedienen Sie bitte das Zwei-Sinne-Prinzip, also akustische Durchsagen und visuelles Darstellen."

Den Verweis auf die mit den zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen verbundenen Kosten sowohl von der Stadt München als auch von Seiten der Verkehrsbetriebe ließ Gustav Doubrava nicht gelten.

BBSB Landesgeschäftsführer Christian Seuß rief die Politik mit Nachdruck dazu auf, folgende Schwerpunkte bei ihrer Tätigkeit zu setzen: Schaffung von Barrierefreiheit an den Bahnsteigen mit rillierten Streifen nach dem heutigen Stand der Technik und die Einführung Fahrzeug gebundener Sicherheitssysteme, um Stürze ins Gleis zu verhindern. Dies müsse umgesetzt werden, erst recht „wenn Sie die UN-Behindertenrechtskonvention ernst nehmen", so Seuß.

Die ausführliche Stellungnahme des BBSB fügen wir als Anlage bei.

Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB)

Der BBSB ist die Selbsthilfeorganisation der über 80 000 blinden und sehbehinderten Menschen in Bayern. Er vertritt ihre Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Ziel des BBSB ist, blinden und sehbehinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. In 10 Beratungs- und Begegnungszentren bietet der BBSB wohnortnahe Hilfen an – dazu gehören der ambulante Reha-Dienst mit Schulung in Orientierung und Mobilität sowie selbständiger Haushalts- und Lebensführung; sozialrechtliche Beratung, individueller Textservice, berufliche Rehabilitation, Austausch mit Gleichbetroffenen, Freizeit und Fortbildung.

 

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