Mittwoch, 23. Dezember 2020

Wie blinde Menschen die Pandemiezeit erleben – Ein Artikel aus BR24 – BBSB-Inform – 23.12.2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

Corona prägte das zuendegehende Jahr.
Mit der großen Hoffnung im Jahr 2021 zunehmend weniger über dieses Thema berichten zu müssen und guten Wünschen für all unsere Leserinnen und leser verabschiedet sich die Redaktion in den Weihnachtsurlaub.
Am 26.12. sind wir wieder mit BBSB-Inform Basar für sie da.

Blinde haben es seit der Corona-Pandemie noch schwerer als sonst. Den korrekten Abstand einzuhalten, ist praktisch unmöglich. Die Maske schränkt sie in ihrer Wahrnehmung ein und mit der Handhygiene ist das auch so ein Problem.
vonKatrin Bohlmann

Grün, schwarz, rot: Farben kennt Franziska Sgoff nicht. Die 24-Jährige ist durch einen Gendefekt von Geburt an blind. Sie weiß auch nicht, wie ihre Mutter, ihr Vater, ihre Schwestern und ihre Freunde aussehen. Aber sie weiß ganz genau, wie sie riechen, sich anfühlen und ihre Stimmen klingen.

Sie spürt sie. Die Sinne – hören, riechen, schmecken und tasten – sind für Blinde sehr wichtig. Denn sie sind mehr als andere auf diese Wahrnehmungen angewiesen. Durch Corona und die Abstands- und Hygieneregeln wird ihnen das erschwert – Franziskas Leben dadurch eingeschränkt.

Sgoff traut sich wegen Abstandsregeln nicht mehr alleine raus
Mit Maske, Blindenstock und ihrer besten Freundin ist Sgoff in der Freisinger Innenstadt unterwegs. Vivian führt sie durch die Einkaufsstraße. Sie lachen viel, unterhalten sich. Eigentlich ist Sgoff sehr selbständig, kommt gut alleine zu recht. Aber seit Corona ist das anders.

Die zierliche junge Frau traut sich nicht mehr, ohne Begleitung hinauszugehen. “Weil ich den Abstand zu den Leuten nicht einhalten kann. Weil ich nicht weiß, ob die anderen Leute die Maske richtig tragen oder, ob sie überhaupt eine tragen”, erklärt sie ihre Sorgen.

Immer wieder braucht sie Hilfe, wenn sie unterwegs ist. Beim Überqueren der Straße, Treppensteigen oder Einsteigen in die S-Bahn. “Durch die Abstandsregel weiß ich jetzt nicht so genau, ob mir jemand helfen kann. Es ist ein komisches Gefühl seit Corona… anders auf jeden Fall.”

Durch die Maske ist ihr Geruchssinn eingeschränkt
Bemerkenswert: Franziska Sgoff kann – unter normalen Umständen – Geschäfte erriechen. Ob Blumenladen, Bäcker oder Buchladen. “Einfach an dem intensiven Papier- und Buchgeruch. Ich finde, ein Buchladen hat eine ganz magische Komponente. Auch wenn ich die Bücher niemals selbst lesen kann… sie können mir vorgelesen werde”, sagt sie und lacht dabei.

Blinde orientieren sich viel über das Riechen von Düften in der Umgebung. Und genau deswegen stört sie das Tragen der Maske am meisten: ihr Geruchssinn ist dadurch sehr eingeschränkt. Aber sie trägt trotzdem eine Maske. Ein Attest zur Maskenbefreiung für Blinde lehnt sie ab. Sie will sich und andere schützen.

Früher hat sie in Läden auch Dinge angefasst, um zu ertasten, was es ist, wie sich etwas anfühlt, ob es ihr gefällt, aber auch, um sich zu orientieren. “Meine Hände sind meine Augen”, sagt Franziska. Das Anfassen traut sie sich nun auch nicht mehr. Zum einen wegen der Hygiene und zum anderen, weil sie nicht weiß, wie das die Ladeninhaber in Zeiten von Corona finden.

Die blinde Freisingerin bleibt trotz Corona optimistisch
Das Leben ist für Franziska Sgoff wie für andere Blinde nun seit Corona schwieriger geworden. Trotzdem lässt sie sich davon nicht unterkriegen. Die 24-Jährige mit den schulterlangen dunklen Haaren ist eine fröhliche, positiv eingestellte Frau. Mitleid will sie nicht.

Doch manchmal beklage sie sich schon wegen der Corona-bedingten Einschränkungen, verrät ihre Freundin Vivian schmunzelnd. “Franzi ist kontaktfreudig, deswegen findet sie es doof, dass sie ihre Freunde nicht mehr so sehen kann. Sie ist eine sehr liebenswerte Person, manchmal auch ein bisschen ungeduldig, aber immer optimistisch, egal, wie die Umstände gerade sind”, beschreibt Vivian ihre beste Freundin. “Außerdem sind wir immer füreinander da, in guten wie in schlechten Zeiten. Das hat uns auch nochmal zusammengeschweißt.”

Die 24-Jährige vermisst im Homeoffice ihre Kollegen
Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin arbeitet für ein großes IT-Unternehmen, seit Monaten ist sie im Homeoffice an einem blindengerechten Laptop. Der Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen fehlt Franziska Sgoff, auch wenn sie regelmäßig virtuell miteinander sprechen.

Aber manchmal fühlt sie sich sehr alleine. Neben Smalltalks und dem gemeinsamen Mittagessen vermisst sie die direkte Unterstützung der Kollegen. “Im Büro frage ich kurz mal über die Schulter: kannst Du mir bitte mal helfen? Das geht im Homeoffice nicht so einfach.”

Franziska ist in der Corona-Krise kreativ geworden
Nebenbei hat sich Franziska Sgoff einen Kindheitswunsch erfüllt und ein Buch geschrieben. Klassisch gedruckt und in Blindenschrift. “Wozu braucht man Jungs?”, lautet der Titel. Damit wollte sie durch Deutschland touren, Lesungen geben und zur Leipziger Buchmesse fahren. Das war der Plan, dann kam Corona und schien zunächst alle Pläne zu durchkreuzen.

Aber Franziska wurde in der Krise kreativ. Nun hält sie Online-Lesungen über YouTube. Außerdem hat sie mit ihren Freunden Szenen aus dem Buch als Hörspiel veröffentlicht. “Wir wollen vielleicht auch das ganze Buch als Hörspiel zu produzieren. Das ist ein aufwendiges Projekt, aber das würde bestimmt sehr viel Spaß machen.”

Appell: Helft Blinden und anderen Menschen mit Behinderung
Die blinde Franziska Sgoff ist eine starke Frau, voller Tatendrang und sehr dankbar, dass es ihr und ihren Liebsten gut geht. “Alle meine Freunde und meine Familie sind gesund”, sagt die lebenslustige Bayerin. Noch lebt sie bei ihren Eltern. Aber im kommenden Jahr möchte sie mit ihrer Freundin Vivian in eine WG ziehen.

Jetzt in der Coronazeit appelliert sie, trotz der Abstandsregeln Blinden und anderen Menschen mit Behinderung zu helfen. Denn in Krisenzeiten wird vieles gerade für sie noch komplizierter. “Trotz der Abstandsregeln sollten wir die Welt um uns herum wahrnehmen und auf unsere Mitmenschen achten”, sagt Franziska Sgoff. Sie glaubt fest daran, dass wir aus der Krise gestärkt herausgehen und uns neue Wege ebnen.

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